Uraufführung

Einblicke in die Komposition

Patrick Giesel
Patrick Giesel

“Der kleine Prinz” ist konzipiert als ein Kinderbuch, beim Lesen jedoch begreift man, dass es sich nicht um eine stumpfe, märchenhafte Erzählung handelt, sondern um ein tief-philosophisches Werk, dass viele Aspekte des Menschsein und der Entwicklung dahin thematisiert. Gleichzeitig muss ich gestehen, dass je mehr ich mich damit auseinandersetze, ich noch weniger verstehe, was im Buch steht. Meine Vermutung ist, dass es daran liegt, dass ich den Text nicht mehr mit den Augen eines Kindes lesen kann, sondern nur durch mein halbwegs gefestigtes Wesen als junger Erwachsener. Dies stützt aber genau eine der zentralen Aussagen des Werks.

Inhaltlich ist es eine spannende, aber letztendlich hochtragische, Erzählung: zu welchen Planeten der kleine, unschuldige und neugierige Prinz reist, und welche Konflikte sich in ihm auftun, mit steigender Erfahrung, Begegnungen mit Menschen. Berücksichtigend, dass es sich um ein Buch für Kinder handelt, ist für mich umso zerrüttender, welchen Ausweg der kleine Prinz am Ende nimmt, um wieder zu seinem Heimatplaneten und seiner geliebten Rose zurückzukehren. Das Ende ist offen; man weiß nicht genau, was passiert ist. Die Absicht des Prinzen ist es, seinen Geisteswillen zu verwirklichen und der Sehnsucht nachzugehen, und während oder damit der Geist weiterleben kann, muss der Körper als Hülle auf der Erde zurückgelassen werden.


Die Aufgabe für mich bei der Komposition ist es, den Geist des Werkes einzufangen und in eine Tonsprache zu übersetzen. Für dieses relativ kurze Werk gilt es also nicht direkt die Handlung nachzuerzählen, sondern mehr darum, die Gedanken weiterzuentwickeln und musikalisch zu charakterisieren. Überhaupt zeichnet sich für mich Kunst unter anderem damit aus, dass tiefe Fragestellungen ausgeführt und an den Menschen weitergegeben werden.

Ein Kerngedanke ist die Verwunderung über das Erwachsensein. Sie sind so gefestigt auf ihren Beruf, ihre Pflichten, auf ihre Rolle, in der sie durch die Erwartung der Welt geformt wurden, dass die Erwachsenen dabei nur noch das Rationale und Produktive sehen. Dabei verlieren sie ihre Fantasie, sie sehen nicht mehr den tieferen Sinn und die Schönheit in dem, was sie tun und in dem, was die Welt zu bieten hat.

Zitat(e) aus dem Buch:

“Alle großen Leute sind einmal Kinder gewesen, aber nur wenige erinnern sich daran."

“Er war zu sehr damit beschäftigt, Zahlen zu zählen und Sterne zu besitzen, um wirklich etwas Schönes zu sehen.“

Ein weiterer wichtiger Aspekt sind die persönlichen Beziehungen, die man pflegt. Wie diese eine Zerrissenheit auslösen können, aber auch Glück bringen. Auf seinem Heimatplaneten hat der kleine Prinz eine Rose, um die er sich kümmert, die ihn aber mit ihrem Verhalten verunsichert und verletzt, bis er sich entschließt, seinen Planeten zu verlassen. Erst auf der Erde, als er einen Garten mit 5000 Rosen sieht, erkennt er, dass die Rose auf seinem Planeten einmalig und besonders für ihn ist, weil es die war, um die er sich gekümmert hat. Die Fragestellung besteht darin, was es heißt zu lieben, mit welcher Verantwortung es kommt, und wofür es gut gewesen sein kann. Gleichzeitig bedeutet es aber auch das Risiko einzugehen, wenn man sich gegenseitig zähmt und vertraut macht, zwangsläufig traurig zu werden, wenn man sich voneinander verabschieden muss, eben weil man eine Bindung eingegangen ist. Das Symbol der Rose finde ich dabei spannend, denn sie trägt einen Charme mit sich, aber eben auch Dornen, an denen man sich verletzen kann. Zu spät ist es, als der kleine Prinz realisiert, was er an seiner Rose gehabt hat, doch schön ist es trotzdem, dass er sich nun jedes Mal, wenn er hoch zu den Sternen guckt sich freuen kann, weil er weiß, dass auf einem dieser Sterne seine Rose ist und zu ihm runter schaut.


Konkret ist es eben tragischer Weise so, dass der kleine Prinz sich am Ende wieder nach seinem Planeten und seiner Rose sehnt, es aber irgendeine Barriere gibt, die es ihm nicht mehr möglich macht, zu dem zurückzukehren, was gewesen ist. Es ist in diesen Worten, in denen man realisiert, dass egal was das Weltliche macht, dein eigener Geist und die Erinnerung ewig sein können. Der kleine Prinz möchte seinen Körper durch das Gift eines Schlangenbisses auf der Erde zurücklassen, um wieder zu seiner geliebten Rose zusammen sein zu können. Ironischerweise kann ich mir als Erwachsener denken, was das genauer bedeuten könnte und wie dramatisch sein Ausweg war.

Die wohl wichtigste Aussage in dem Buch ist die nach der Wahrhaftigkeit des Herzens. Dass man das Wesentliche nur mit dem Herzen sehen kann, dass es sich nicht oberflächlich messen oder beschreiben lässt. Dass überhaupt die Sprache und das Wort nur für Missverständnisse sorgen. Dass das wirklich Wichtige nicht rational sein kann. Was genau das Wesentliche sein soll, ich denke, das wird jeder Mensch für sich erschließen müssen. Den Gedanken jedoch, den ich mit diesem Werk weitergeben möchte ist:

“Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.”


Auch als Erwachsener lässt sich von einem Kind unbedingt viel lernen. Die Gedanken, die uns mitgeteilt werden, treffen uns direkt in die Seele. Wenn man sich dafür öffnet und versucht zu erkennen, dass man trotz jeglichen inneren Konflikten oder Erwartung von außen tief in seinem Herzen erkennen kann, was wirklich gut gewesen ist und sein wird. Dass die Welt und die Entwicklung sinnvoll erscheint, aber uns auch vom Wesentlichen ablenken kann. Es wäre ratsam, in einer Welt, die sich immer weiter von der Natur entfernt, die vieles durch Technologie bereichert, aber auch auf den Kopf stellt, sein inneres Kind aufleben zu lassen. Nicht nur zu sehen, was andere von dir wollen und was du machen musst, oder zu machen, was sinnvoll ist, sondern die Welt mit Neugierde zu erleben und sich die Fantasie zu bewahren.

Eine essenzielle Frage, die uns Menschen seit einiger Zeit, aber jetzt immer mehr beschäftigt, ist: Was ist eigentlich noch echt? Was ist noch wahrhaftig und was brauchen wir wirklich? Haben wir in unserem Streben nach Fortschritt uns selbst als Menschen vergessen? Braucht es eine Rückbesinnung zurück zur Natur, oder wie weit werden wir den “Fortschritt” noch treiben können?


Dezember 2025, Patrick Giesel

Bei der Komposition, die im Februar uraufgeführt wird, könnte man im Rahmen des Umfangs von einer Konzertouvertüre reden, doch im Wesen der Musik ist es letztendlich eine Tondichtung. Als Vorlage hierzu dient das Buch "Der kleine Prinz” von Antoine de Saint-Exupéry. Ich interessiere mich auch sehr für andere Kunstformen, sei es Lyrik, Malerei, Fotografie, Philosophie oder Naturwissenschaften. Inspiriert durch einen befreundeten Tänzer und Choreographen, Carlos Strasser, der dieses Material für eine Choreographie genutzt hat, bin ich auf das Buch gestoßen. Nach dem Lesen war mir klar, dass ich etwas zu diesem Stoff zu sagen habe; dass ich die geäußerten Gedanken aufgreifen und weiterentwickeln möchte.